Fixpreis-Shops und Maßanfertigungen: Ein Strukturproblem
Breite, Höhe, Material: Drei Angaben genügen theoretisch für den Preis, doch die meisten Shopsysteme wissen damit wenig anzufangen. Shopify und WooCommerce legen Preise an fest definierten Varianten mit eigener Artikelnummer fest, nicht an einer Formel aus Kundenmaßen. Adobe Commerce (Magento) folgt demselben Prinzip. Ein Online-Shop mit Produktkonfigurator für Maßanfertigungen braucht deshalb zusätzliche Technik, die über die Standardfunktionen eines Online-Shops hinausgeht, unabhängig davon, welches System darunterliegt.
Ein Produktkonfigurator ist eine Eingabemaske, über die Kundinnen und Kunden Maße und weitere Merkmale wie Material oder Ausstattung selbst wählen, bevor der Shop daraus Preis und Bestellposition bildet. Eine Variante ist dagegen ein einzeln angelegter Artikel mit fixem Preis und eigener SKU (Stock Keeping Unit, die eindeutige Artikelnummer eines Shopsystems), zum Beispiel „Fensterbank 100 x 20 cm, Marmor hell". Genau hier liegt der Bruch.
Ein Konfigurator denkt in kontinuierlichen Werten. Ein Shopsystem denkt in einer endlichen Liste von Varianten. Zwischen beiden Logiken vermittelt kein Standard-Feature, sondern eine zusätzliche Preisberechnung.
Warum das Thema gerade jetzt drängt
2.048 statt 100 Varianten pro Produkt. Diese Obergrenze hob Shopify am 15. Oktober 2025 an, für alle Tarife ohne Opt-in (Shopify Changelog). Der Schritt zeigt, wie groß der Bedarf an mehr Kombinationsmöglichkeiten in der Praxis mittlerweile ist. Das eigentliche Problem bei Maßanfertigungen löst er trotzdem nicht: Wer jeden Zentimeter als eigenen Wert erfassen will, stößt selbst bei 2.048 Varianten schnell an eine Grenze, sobald zwei oder drei Maße gleichzeitig frei wählbar sind.
WooCommerce setzt an anderer Stelle eine Grenze. Variable Produkte zeigen die Dropdown-Auswahl im Shop nur bis 30 Varianten dynamisch an und blenden dabei automatisch Kombinationen aus, die es gar nicht gibt. Darüber werden alle Attribute statisch angezeigt. Eine ungültige Kombination fällt erst nach der Auswahl auf, mit einer Fehlermeldung, die erst beim Versuch erscheint, den Artikel in den Warenkorb zu legen (WooCommerce-Dokumentation). Für einen Betrieb mit zehn Breiten und zwölf Höhen sind das bereits 120 Kombinationen, deutlich über der Schwelle.
Bei Adobe Commerce zeigt sich dasselbe Muster an anderer Stelle im System. Ein konfigurierbares Produkt besitzt dort keinen eigenen Preis; der angezeigte Preis stammt immer aus dem gewählten Kind-Produkt, der einzelnen Variante mit eigener SKU, die hinter der Auswahl steht (Adobe Experience League). Wer zusätzlich freie Zusatzoptionen mit eigener Preislogik braucht, etwa einen Aufpreis für ein Sondermaß, muss bei einem Bundle-Produkt, einem aus mehreren frei wählbaren Komponenten zusammengesetzten Artikel, auf starre Festpreise umsteigen, denn dynamische Preisberechnung und frei definierbare Zusatzoptionen schließen sich bei Adobe Commerce gegenseitig aus, sobald beide Mechanismen gleichzeitig greifen sollen.
Drei Preislogiken schließen die Lücke zwischen Konfigurator und Shopsystem
Keine der drei Plattformen löst das Problem nativ. Am Markt haben sich deshalb drei technische Ansätze durchgesetzt, die unabhängig vom jeweiligen Shopsystem funktionieren: der Formelrechner, die Preismatrix und der einheitenbasierte Preis.
Der Formelrechner berechnet den Preis aus Fläche oder Umfang
Fläche mal Grundpreis pro Quadratmeter, sobald Breite und Höhe eingetragen sind: Diese Rechenlogik nutzt ein Formelrechner, um den Preis live zu bilden, wie es ein Anbieter von Shopware-Erweiterungen für die Formelberechnung nach Kundenmaß beschreibt. Der Ansatz passt zu Produkten, bei denen der Materialverbrauch direkt mit der Fläche oder dem Volumen wächst, etwa bei Glasscheiben oder Plattenzuschnitten. Auch Stoffbahnen gehören dazu.
Die Formel muss fachlich stimmen, bevor sie live geht.
Ein Fehler im Verschnittaufschlag wirkt sich sonst auf jede einzelne Bestellung aus. Bei mehreren unabhängigen Zusatzoptionen oder bei nicht-linearem Verschnitt reicht eine einzelne Formel oft nicht mehr aus.
Preismatrix: Der Preis kommt aus einer Tabelle
Materialverschnitt an bestimmten Stellen im Raster macht den Zusammenhang zwischen Maß und Preis nicht linear. Genau dafür eignet sich eine feste Tabelle im Backend besser als eine Formel.
Für jede Breiten-Höhen-Kombination hinterlegt ein Betrieb darin einen Fixpreis, ohne dass im Shop etwas gerechnet wird. Das passt auch, wenn bewusst nur definierte Raster-Maße angeboten werden sollen.
Bei 30 Breiten und 25 Höhen sind das bereits 750 Zellen, die gepflegt werden müssen, sobald sich Einkaufspreise ändern, wie ein Rechenbeispiel eines Shopware-Plugin-Anbieters zur Preismatrix für Produktkonfiguratoren zeigt.
Der einheitenbasierte Preis rechnet mit einem festen Preis pro Einheit
Stoffe oder Kabel verkaufen viele Betriebe bereits so: Ein hinterlegter Preis pro laufendem Meter oder Kilogramm multipliziert sich mit der eingegebenen Menge, als Shopware-Erweiterung bereits am Markt verfügbar. Auch ein Preis pro Stück lässt sich auf dieselbe Weise hinterlegen. Das passt zu Meterware, bei der es keine zweite Dimension gibt, die den Preis zusätzlich beeinflusst.
Für ein Produkt mit zwei frei wählbaren Maßen reicht dieser Ansatz allein meist nicht.
Ein Fensterbank-Betrieb vergleicht drei Systeme
Zehn Breiten und acht Höhen aus dem Sortiment ergeben für sich genommen schon viele mögliche Kombinationen. Drei Materialien multiplizieren diese Zahl zusätzlich: Ein Betrieb für Fensterbänke aus Niederösterreich kommt bei der Bestandsaufnahme seiner Produktpalette schnell auf mehrere hundert mögliche Kombinationen. In Shopify angelegt, stößt das Team zunächst nicht an die Variantengrenze von 2.048, wohl aber an den Pflegeaufwand. Jede Kombination braucht einen eigenen Preis. Jede Preisänderung beim Materialeinkauf bedeutet händisches Nachtragen in jeder einzelnen Variante.
Der Wechsel zu WooCommerce ändert daran wenig. Die geprüfte Variantenzahl liegt deutlich über 30, die Dropdown-Auswahl im Shop zeigt deshalb alle Breiten und Höhen gleichzeitig an, unabhängig davon, ob die Kombination überhaupt lieferbar ist. Kundinnen wählen ein Maß, das es nicht gibt, und bekommen erst nach dem Klick auf „In den Warenkorb" eine Fehlermeldung.
Beide Systeme bilden den Artikel ab.
Keines rechnet den Preis.
Am Ende setzt der Betrieb eine Preismatrix auf: Breite und Höhe fließen in eine hinterlegte Tabelle, die Website zeigt sofort einen Preis, sobald beide Maße gewählt sind. Material und Sonderzuschnitt kommen als Aufschlag hinzu. Eine Mitarbeiterin aus dem Verkauf pflegt die Tabelle selbst, ohne Programmierkenntnisse, sobald sich Einkaufspreise ändern.
Fazit: Die Preislogik entscheidet, nicht das Shopsystem
Shopify und WooCommerce bilden Maßanfertigungen nicht von Haus aus ab, weil sie Preise an festen Varianten statt an Formeln aus Kundenmaßen hängen. Adobe Commerce hängt an derselben Grenze. Ein Online-Shop mit Produktkonfigurator für Maßanfertigungen braucht deshalb zusätzlich einen Formelrechner oder eine Preismatrix, je nachdem, wie der Preis mit dem Maß zusammenhängt. Bei reiner Mengenware kommt stattdessen ein einheitenbasierter Preis infrage. Für viele Fälle reicht ein bestehendes Plugin für das jeweilige Shopsystem. Sobald die Preislogik von der Warenwirtschaft oder mehreren voneinander abhängigen Optionen abhängt, stößt ein Standard-Plugin an seine Grenzen, und eine Individualentwicklung wird zur ernsthaften Option. Der sinnvolle erste Schritt ist meist nicht die Wahl eines Shopsystems, sondern die saubere Aufbereitung des eigenen Maß- und Preisrasters, bevor überhaupt etwas umgesetzt wird.
Quellen
- Shopify, Changelog „We’ve increased the product variant limit to 2048", 2025.
- WooCommerce-Dokumentation, „Change Limit on Number of Variations for Dynamic Variable Product Dropdowns", laufend gepflegt, abgerufen 2026.
- Adobe Experience League (Adobe Commerce), „Configurable product" und Dokumentation zu Customizable Options bei Bundle-Produkten, abgerufen 2026.
- Shopware Store, Produktseiten zu Preismatrix, Formelberechnung und FlexSize, abgerufen 2026.
Häufige Fragen zum Online-Shop mit Produktkonfigurator
Welche Shopsysteme berechnen Preise nach Maß von Haus aus?
Keines der drei großen Systeme berechnet Preise serienmäßig aus freien Kundenmaßen. Shopify und WooCommerce legen Preise an festen Varianten mit eigener Artikelnummer fest, nicht an einer Formel, und Adobe Commerce folgt demselben Muster. Für Maßanfertigungen braucht jedes der drei Systeme eine zusätzliche Preislogik, etwa über ein Plugin oder eine eigene Entwicklung, unabhängig von der gewählten Plattform.
Warum reicht es nicht, jede Maßkombination als eigene Variante anzulegen?
Weil die Zahl der Kombinationen schon bei wenigen Maßen zu groß für die manuelle Pflege wird. Bei 30 Breiten und 25 Höhen entstehen laut einem Shopware-Plugin-Anbieter bereits 750 einzeln anzulegende Varianten mit jeweils eigenem Preis. Jede Preisänderung im Einkauf bedeutet dann 750 einzelne Korrekturen im Shop-Backend statt einer einzigen Anpassung in einer Formel oder Tabelle.
Was unterscheidet eine Preismatrix von einem Formelrechner?
Eine Preismatrix hinterlegt den Preis für jede Maßkombination fix in einer Tabelle, ein Formelrechner berechnet ihn live aus einer Rechenformel wie Fläche mal Grundpreis. Die Matrix passt, wenn der Preis nicht linear mit dem Maß wächst oder nur bestimmte Raster-Maße angeboten werden. Der Formelrechner passt, wenn sich der Materialverbrauch direkt aus Fläche, Umfang oder Volumen ergibt.
Wann lohnt sich eine Individualentwicklung statt eines Standard-Plugins?
Eine Individualentwicklung lohnt sich, sobald Standard-Plugins die betriebliche Preislogik nicht mehr abbilden, etwa bei Abhängigkeiten zwischen mehreren Optionen oder bei einer Anbindung an die Warenwirtschaft. Für einfache Formeln oder eine überschaubare Preismatrix reicht in vielen Fällen ein bestehendes Plugin für Shopify, WooCommerce oder Shopware. Erst wachsende Komplexität zwischen Shop, Lager und Kalkulation macht eine eigene Lösung wirtschaftlich sinnvoll.
Der nächste Schritt für Ihren Betrieb
Bevor eine Entscheidung für die passende Preislogik fällt, lohnt sich ein Blick auf das eigene Maß- und Preisraster: Welche Dimensionen sind wirklich frei wählbar, welche Materialien und Aufschläge kommen hinzu. Im Erstgespräch ordnen wir gemeinsam ein, welcher Ansatz zu Ihrem Produkt und Ihrem bestehenden Shopsystem passt. Vereinbaren Sie ein Gespräch.